Drei Sportler in Radrennausrüstung fahren auf einer Küstenstraße, hinter ihnen der Ozean und Palmen.
Kultur und Sport

Kolumne Jesse Hinrichs

26. Januar 2026

„Auf einmal in Führung“ – Ein Ironman im Paradies

 

Wie in meinem letzten Beitrag berichtet, ging es für mich zum Abschluss einer turbulenten Saison an das andere Ende der Welt - nach Mexico. Der Ironman Cozumel dort hat mittlerweile Legendenstatus in der Triathlonwelt – ein Wettkampf am anderen Ende der Welt, im Paradies.

Türkisblaues Wasser und Temperaturen von 35 Grad im November – natürlich alles andere als einfache Bedingungen für eine Langdistanz, aber etwas, das mich sehr gereizt hat. Gerade Ende November, wo das Wetter in Deutschland so langsam schlechter wird.

 

So ging es also voller Motivation in die Vorbereitung auf das letzte Rennen der Saison. Und diese Vorbereitung hatte es in sich – aufgrund der krassen Bedingungen vor Ort, an die man sich am besten schon im Vorfeld etwas gewöhnen sollte, ging es fünfmal pro Woche mit langen Klamotten indoor aufs Rad und auch der Sauna stattete ich mehr Besuche ab, als mir lieb war. Natürlich alles neben dem normalen Training von knapp über 30 Stunden pro Woche. Schlussendlich fühlte ich mich sowohl sehr gut auf die Hitze vorbereitet als auch grundsätzlich sehr fit. Und so ging es genau eine Woche vor dem Wettkampftag in den Flieger nach Cancún und von da aus mit der Fähre auf die Insel Cozumel. Ein Trip, der es ganz schön in sich hatte.

Sportler in einem Neoprenanzug steht am Ufer, blickt auf das Wasser und genießt den Sonnenuntergang.
 

Auf Cozumel angekommen, waren die ersten Tage recht ruhig und es galt, sich trotz der guten Hitzeanpassung zu Hause so langsam an die Bedingungen zu gewöhnen. Das gelang mir auch sehr gut und ich konnte neben dem Training und etwas mehr Ruhe in der Wettkampfwoche die Landschaft genießen. Das Schwimmen im Meer mit unendlich vielen Fischen, die man vorher noch nie gesehen hat, Radfahren zwischen Palmen auf der einen Seite und dem Meer auf der anderen. Und ab und zu auch mal ein Krokodil, zu dem man jetzt nicht unbedingt ins Wasser springen wollte.

Der Rest der Rennwoche verlief dann leider etwas holprig. Magenprobleme, vermutlich eine kleine Lebensmittelvergiftung, machten mir ganz schön zu schaffen und in Absprache mit meinem Trainer entschieden wir uns dazu, was das Training anging, zwei Tage komplett zu pausieren. Das erzielte zum Glück seinen Zweck und am Renntag fühlte ich mich rechtzeitig wieder sehr gut.

Bild links: Ein letztes Schwimmen vor dem Wettkampf in Cozumel 

Sportler in aero Position auf einem Rennrad, fährt auf einer Straße durch eine grüne Landschaft.
 

Mit voller Power ging es also ins Rennen. Nach einem etwas ruhigen Schwimmen aufgrund der aufgewühlten See ging es mit lediglich 40 Sekunden Rückstand auf die erste größere Gruppe aufs Rad.
Ich brauchte lediglich neun Kilometer, um die Lücke zur Gruppe zu schließen, und war voll im Rennen. Aufgrund der Bedingungen ging es eher taktisch zur Sache und jeder versuchte, sich etwas zurückzuhalten. Das war mir irgendwann etwas zu viel und kurz nach Ende der ersten von drei Runden entschied ich mich, etwas zu attackieren. Ohne großen Aufwand war auf einmal die Lücke da und ich fuhr alleine. Kurze Zeit später überholte ich schon den Zweitplatzierten und nach 120 km den Führenden. Ich führte also den Ironman Cozumel an. In dem Moment ein extrem gutes Gefühl. Was allerdings nur kurz anhielt – auf einmal war bei 150 km jegliche Energie weg und ich
wurde immer langsamer.

Was war passiert? Das Problem war bereits knapp 50 km vorher entstanden. Meine Halterung für die Flaschenhalter hatte sich gelockert und bevor ich reagieren konnte, brach sie an der nächsten Bodenwelle einfach weg. Bei 50 km/h – keine Chance, sie wieder einzusammeln. Jegliche Verpflegung für die zweite Rennhälfte war auf einen Schlag weg. Und auch an den vielen Verpflegungsstationen entlang der Strecke gab es nur Wasser.

So fuhr ich also an der Spitze des Rennens, komplett energielos, und kämpfte nur noch mit mir selbst. Die letzten 30 km auf dem Rad fühlten sich wie eine Ewigkeit an und von der Euphorie, einen Ironman anzuführen, war nichts mehr zu spüren. Einfach nur noch Überlebensmodus. So rollte ich also in die zweite Wechselzone. Mittlerweile hatten mich drei der Konkurrenten auf den letzten Kilometern wieder eingesammelt.

Bild links: „Was ist der Rückstand?“ - Auf dem Weg an die Spitze beim Ironman Cozumel

Sportler mit Fahrrad trägt eine Sporttasche, während weitere Teilnehmer auf einer Straße vorbeifahren.
 

Ich zog meine Laufschuhe an und versuchte erst einmal, einen Schritt vor den anderen zu setzen. Gar nicht so einfach, wenn der Körper gar keine Energie mehr hat. Nach nur ein paar Hundert Metern wankte ich von einer auf die andere Straßenseite und konnte mich nicht mehr auf den Beinen halten. Der Körper war am absoluten Limit und es ging nichts mehr. Am Straßenrand sitzend kämpfte ich gegen die Gedanken, das Rennen zu beenden, aber schlussendlich gab es keinen Ausweg. Von in Führung liegend zu einem DNF innerhalb nur einer Stunde. Etwas, das ich niemandem wünsche. Die Enttäuschung war natürlich riesig und das Ganze alles andere als ein Happy End der Saison. Sehr geknickt musste ich also die Rückreise nach Deutschland antreten.

Dennoch das Fazit nach einigen Tagen: Ich weiß, dass ich es eigentlich kann. Natürlich ist es immer ein „Was wäre wenn“ oder „hätte, hätte …“, aber mit meiner Laufform aus dem Frühjahr und der Radperformance an diesem Tag weiß ich jetzt, was möglich ist. Zumindest in der Theorie. So nah dran war ich noch nie und nun gilt es, diese Theorie 2026 in die Praxis umzuwandeln.

Bild links: Nach dem Ausstieg beim Ironman Cozumel - „ein bittere Ende“

Bild ganz oben: In Führung liegend bei Ironman Cozumel 

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