

Wenn Puppen lebendig werden
23. Juni 2026Das Theater Laboratorium in Oldenburg ist eine der faszinierendsten Kulturbühnen in Norddeutschland.
Theater ist Kunst. Beim Theater Laboratorium in Oldenburg empfängt die Kunst den Besucher bereits beim Eintritt ins Foyer. Hier mischt sich der Charme einer ehemaligen Turnhalle mit dem Ambiente eines historischen Cafés. „Für die Ausstattung sind wir durch halb Europa gereist“, beschreibt Barbara Schmitz-Lenders, die das Figurentheater Theater Laboratorium zusammen mit Pavel Möller-Lück gegründet hat, die Aufgabe, als sie vor 18 Jahren in die Räumlichkeiten in der Kleinen Straße 8 einzogen. Fliesen aus dem Foyer einer Brüsseler Hotelempfangshalle, Café-Tische aus dem legendären Café Odeon in Zürich, Wandvertäfelung aus einem Dresdner Herrenzimmer, die Theke aus einer Bäckerei vom Berliner Prenzlauer Berg und Tore aus einer alten Feuerwache in Bremen – „ein Gesamtkunstwerk von Raum und Inhalt, von Leben und Arbeit, in das wir unsere Besucher einladen“, nennt es die Theatermacherin.

Die Vorgeschichte des Theaters begann aber schon viel früher, vor mehr als 40 Jahren, an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Dort waren Schmitz-Lenders und Möller-Lück Pioniere des ersten Studienganges „Figurentheater“ in West-Europa. Möller-Lück war sogar einer der Mitbegründer. Und schnell war den Beiden klar: Wir machen zusammen Figurentheater für Kinder. Was folgte, waren bewegte Jahre auf Tourneen durch Deutschland, Österreich, die Schweiz, Polen, die Niederlande, schon mit den ersten der vier gemeinsamen Kinder und Babysitter. „So haben wir 1988 auch in Oldenburg gastiert mit der Premiere meiner Diplom-Inszenierung ,Die drei Käsehochs‘ im Casablanca-Kino“, erinnert sich Schmitz-Lenders.
Irgendwann war die Zeit reif, sesshaft zu werden. Und die Wahl fiel auf Oldenburg. Mit einer großen Portion Mut, Idealismus und künstlerischem Selbstverständnis gründeten Schmitz-Lenders und Möller-Lück 1995 in der von der Stadt sanierten ehemaligen Isolierbaracke des Peter Friedrich Ludwigs Hospital in der Wilhelmstraße 13 (heute Leo-Trepp-Straße) das Theater Laboratorium: klein, intim, familiär mit 90 Plätzen, ein klassisches Figurentheater, das aber auch mit Mitteln des Objekttheaters und Elementen des klassischen Schauspiels arbeitet. „Da haben wir noch alles selbst gemacht. Das Buchungsbuch wurde mit Bleistift geführt, damit wir Stornierungen ausradieren konnten, die Eintrittskarten persönlich abgestempelt, die Theaterfiguren selbst genäht“, schwärmt Schmitz-Lenders.
Bild: Eingang zum Theater Laboratorium. Foto: Theater Laboratorium

Neben dem Figurentheater für Kinder wurde hier auch ein Spielplan für Erwachsene entwickelt. Jedes Jahr kam ein neues Stück dazu. Neben modernen Adaptionen – etwa von bekannten Märchen (der Renner: „Die Bremer Stadtmusikanten“) – wurden zunehmend selbst geschriebene literarische Stücke aufgeführt (z.B. „Dieser Tag ein Leben“). Einige Stücke wurden so inszeniert, dass zwei parallele Ebenen entstanden – eine für Kinder und eine für Erwachsene.
Die Resonanz: „Wir wurden vom Publikumszuspruch überrollt“, so Schmitz-Lenders. Alles allein machen ging nicht mehr. Ein Team wurde aufgebaut. Als „großes Glück“ bezeichnet sie die Begegnung mit der Puppenmacherin Mechthild Nienaber. „Sie hat mit ihrer großen Kunst unsere Theaterarbeit wesentlich mitgestaltet und geprägt und macht jetzt fast alle unsere Puppen.“ Mit jährlich mehr als 30.000 Zuschauern avancierte das Haus zum erfolgreichsten Privattheater in Niedersachsen. Die Spielstätte in der Wilhelmstraße war den Anforderungen nicht mehr gewachsen.
Bild: Pavel Möller-Lück in „Der Mann, der niemals weinte“. Foto: Isabela Mitwollen

Nur einen Steinwurf entfernt in der Kleinen Straße 8 stand eine Lagerhalle leer: die ehemalige erste Turnhalle des Oldenburger Turnerbundes von 1869. In dreijähriger Umbauzeit entstanden Räumlichkeiten für knapp 200 Besucher, die das Gefühl vermittelten, als ob es immer ein Theater gewesen sei – 2008 dann der Einzug.
Beengt waren die Räumlichkeiten aber immer noch, vor allem für die Inszenierung neuer Stücke und Proben. Direkt neben dem Theater liegt das damals als Lager vom Evangelischen Krankenhaus genutzte Gebäude der ehemaligen Limonaden- und Mineralwasserfabrik Niehaus – alteingesessene Oldenburger werden sich noch an die Limonade „Krystalla“ erinnern. Durch den inzwischen gegründeten Förderverein des Theater Laboratoriums, Sponsoren, Stiftungen und das Bauunternehmen Alfred Döpker wurde die alte Limonadenfabrik bis Ende 2017 in einen Probenraum umgebaut, der mittlerweile mit knapp 90 Plätzen auch als zweite Spielstätte und für Gastspiele genutzt wird.
Bild: Der Theatersaal. Foto; Thomas Weber, phothomas

Als „große Zäsur“ beschreibt Barbara Schmitz-Lenders, was dann im Frühjahr 2020 kam: die Corona-Pandemie. Von einem Tag auf den anderen war Schluss. „In den Monaten danach haben wir schon ein paar Mal daran gedacht, unfreiwillig früher in Rente gehen zu müssen“, sagt die heute 62-Jährige. Doch dazu war die Lust am Theatermachen viel zu groß. Mit kreativen Ideen wurde die Zeit bis zur erlaubten Wiederaufnahme des Betriebs in geschlossenen Räumen überbrückt. „Wir haben draußen Konzerte und Lesungen veranstaltet, Brot gebacken, dazu gab es ein Glas Wein – und dann mussten alle schnell wieder gehen“, erzählt die Theatermacherin.
Bild: Das Café im Theater Laboratorium. Foto: Theater Laboratorium

Der Erfolg kam schnell zurück. Mit rund 250 Vorstellungen im Jahr, die fast alle immer schnell ausverkauft sind und fast 45.000 Besuchern ist das Theater Laboratorium, das Puppen lebendig werden lässt, fest in der Region verankert. Von Rente ist keine Rede mehr. „Unsere Energie ist ungebrochen. Wir haben ein tolles etwa 30-köpfiges eingespieltes Team und noch viele Ideen. Künstlerisch könnten wir es noch ewig weitermachen“, sagt Schmitz-Lenders. „Wir machen so lange, wie wir uns fit fühlen und das Publikum kommt.“ Für Neues ist man dabei immer aufgeschlossen. So werden inzwischen vermehrt auch neue Medien eingesetzt, wie etwa das Videomapping, eine audiovisuelle Projektionstechnik, durch die dreidimensionale Objekte, wie Gebäude, Menschen oder Bühnenbilder als Kulisse erscheinen.
Anfang Juli geht das Theater Laboratorium erst einmal in die traditionelle Sommerpause. Untätig ist dort dann aber keiner. Nach der Saison ist vor der Saison. Es wird neu inszeniert, geprobt. Am 14. August um 19 Uhr geht es wieder los – dann lädt das historische Café im Foyer zur genussvollen Einstimmung in einen Theaterabend ein. Und pünktlich um 20 Uhr hebt sich der Vorhang – zum Dauerbrenner „Die Bremer Stadtmusikanten“.
Bild: Die Spielstätte Limonadenfabrik. Foto: Theater Laboratorium
Oberes Bild: Pavel Möller-Lück und Barbara Schmitz-Lenders vor ihrem Theater. Foto: Nadine Brinkmann, Mango GmbH
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